Du betrachtest gerade „Träum weiter!“ – Das war die Wohnzimmerkirche im Januar 2026

Es ist kurz vor 18.30 Uhr, gleich soll Einlass sein und der Platz vor der Erlöserkirche ist bereits erstaunlich gut gefüllt. Immer wieder kommen neue Menschen dazu, umarmen Bekannte, finden sich zu Grüppchen. Vorfreude liegt in der Luft. Als Presbyterin Maren Aktas, die zum Vorbereitungsteam der Wohnzimmerkirche gehört, die Tür öffnet, strahlt sie. Mein erster Weg führt mich zur „Erlöserbar“. Ich entscheide mich für eine Bionade als Durst stillende Abendbegleitung. Dafür darf ich eine Spende in einen hübsch gestalteten Kasten werfen, muss es aber nicht. Denn: Getränke und Essen sind hier grundsätzlich frei.

Ich wähle einen Platz in der Mitte der Kirche, die heute so ganz anders aussieht. Sie ist mit Lichterketten geschmückt, eine Stehlampe steht vor dem Altar, zusammen mit einem Sofa und Sesseln. Es gibt nicht die üblichen Reihen, sondern Sitzgruppen. Um jeden Tisch reihen sich mindestens fünf Stühle. Und von jedem Tisch leuchtet eine Kerze in den Raum. Auf der Serviette steht je eine Schale mit Chips und Salzstangen. Es ist rundum gemütlich. Bevor es losgehen kann, müssen wir allerdings noch ein paar Stühle dazu holen, damit alle Platz haben. Bei der Eröffnung kommen wir in Bewegung: Wir dürfen aufstehen, wenn wir eine bestimmte Frage mit Ja beantworten würden. So kommt heraus: Die Mehrheit hat das Motto nicht als „Träum weiter, du Spinner“ verstanden, sondern als Ermutigung, weiter zu träumen.

„Tanzen ist Träumen mit den Füßen“, erfahren wir von Roland Hennigs, Presbyter und an diesem Abend unser Traumerklärer. Von ihm lernen wir, welche Schlafphasen es gibt, dass diese sich wiederholen und wir immer träumen. Jede Nacht. Auch andere aus dem Vorstellungsteam teilen Geschichten und Anregungen zum Thema. Zwischendurch singen wir passende Popsongs, die grandios vorgetragen werden. Und dann ist Zeit für Austausch: Wir dürfen Fragen ziehen und uns zu ihnen unterhalten. „Sind gesellschaftliche Träume wichtiger als persönliche?“, diskutieren wir. Und: „Haben alle Menschen die gleichen Chancen, Träume zu verwirklichen?“

Wir unterhalten uns so angeregt, dass der Topf mit Chili bereits vollständig geleert ist, als ich bei der „Essensausgabe“ ankomme. Zum Glück gibt es noch zwei weitere, leckere selbstgekochte Suppen. Nach der Essenspause erwartet uns ein weiteres Highlight, der theologische Impuls von Prädikant Christoph Simons. Völlig frei trägt er die Geschichte von Samuel vor und zieht uns damit in seinen Bann. Wie war der Gottesdienst für ihn? Das habe ich ihn ein paar Tage nach der Wohnzimmerkirche gefragt. Und ihn darum gebeten, einen kleinen Teil des Impulses hier zu teilen, damit auch Sie etwas davon haben. Er folgt auf das Interview.

Ach ja, und dann haben wir noch quer durch die Generationen vor dem Altar getanzt. Die jüngste Tänzerin war vier Jahre alt.

Interview mit Prädikant Christoph Simons

Christoph, was war für dich das Besondere an der Wohnzimmerkirche vom 31. Januar?

Ganz klar die Stimmung: diese freudige Erwartung am Anfang und dann auch diese Unterschiede zwischen lauter Musik, lebendigen Gesprächen und der Mucksmäuschenstille, die den Raum beim Gebet gefüllt hat. Schön fand ich auch, dass man zum Schluss in der Kirche tanzen konnte und den Gottesdienst nicht „nur absitzen“ musste.

Was war für dich als Liturg anders als bei anderen Gottesdiensten?

Vor allem die Vorbereitung, die lief maximal basisdemokratisch mit dem Team. Ich fand es extrem spannend, mich da auf den Prozess einzulassen, die Verantwortung aus den Händen zu geben und mich ganz auf zwei kleine Bereiche konzentrieren zu können, für die ich verantwortlich sein durfte. Das Vorbereitungsteam hatte mich für den theologischen Impuls angefragt.

Was genau war so spannend für dich?

Es war spannend, dass ich bis zum Gottesdienst auch nicht alle Texte kannte und ich mich auch in großen Teilen als Teilnehmender fühlen konnte, so war es auch mir möglich, aktiv Gottesdienst zu feiern.

Wie oft erlebst du die Kirche so voll wie an diesem Tag?

So voll erlebe ich sie sonst nur zu Weihnachten, bei Konfirmationen, an Ostern, bei Schulgottesdiensten oder Konzerten.

Das Thema war „Träum weiter!“, im Sinne von: „Träume mehr, Träum öfter “ In der Bibel finden wir so einige Träume und Träumer. Manche, wie Josef, sind sogar ziemlich berühmt. Aber du hast die Geschichte von Samuel für deinen theologischen Impuls gewählt. Was war dir dabei als Botschaft besonders wichtig?

Dass wir den Kontakt zu Gott nicht verlieren, dass wir uns immer wieder auf Empfang stellen und auch andere daran teilhaben lassen, indem wir über unsere Erfahrungen sprechen. So halten wir unseren Glauben lebendig.

Auszüge aus dem theologischen Impuls von Christoph Simons

Samuel war ein junger Knabe, der am Tempel diente unter dem alten Priester Eli. Und wie das Wort schreibt, hörte man zu dieser Zeit nicht viel von Gott. Nach einem langen Arbeitstag hatte sich der alte Priester bereits im Tempel nahe der Lade zur Ruhe gelegt, und auch Samuel war in einen tiefen Schlaf gefallen.

Da hörte er in seinem Traum das Rufen: „Samuel, Samuel!“

Er war sofort wach, rieb sich die Augen, ging zu Eli und sagte: „Herr, hier bin ich.“

Eli schaute ihn verwirrt an, schickte ihn wieder ins Bett und sagte: „Samuel, du hast geträumt, ich habe dich nicht gerufen.“

Das wiederholte sich noch zweimal, bis Eli auf die Idee kam, wer denn da rufen könnte. Und so sagte er zu Samuel: „Nicht ich rufe dich, es ist der Herr unser Gott. Wenn er dich wieder ruft, bleib liegen und sage: ‚Herr, dein Knecht hört.‘“

Und so geschah es in der Nacht. Und der Herr sprach zu Samuel.

***

Träum weiter Samuel, denn so kannst du Gott hören. Ich glaube, in unserer lauten und unübersichtlichen Zeit hören wir die leisen und liebenden Töne unseres Gottes oft nicht mehr. Er dringt nicht durch. Selbst Eli, der von Berufswegen ja eigentlich auf den Sender Gott eingestellt war, hatte ihn schon lange nicht mehr empfangen. Sei es durch Abstumpfung, Routine oder auch Vernachlässigung.

Und Samuel, er hatte gar keine Idee, dass Gott zu ihm sprechen könnte. […]

Für mich ist diese Geschichte, die Berufung des Samuel, jedes Mal eine Mahnung und ein Auftrag. Sie mahnt mich, mir bewusst zu machen, dass Gott Räume braucht, in denen ich empfangsbereit bin. Dass ich ihm nachspüren kann und darf. […]

PS: Am 26. September 2026 wird die Erlöserkirche das nächste Mal zum Wohnzimmer.

Anke Gasch